Zuchtprogramme

Ziel
Das Ziel aller koordinierten Zuchtprogramme ist es, Populationen in Menschenobhut zu schaffen, die in der Lage sind, sich langfristig und selbständig durch Reproduktion zu erhalten. Diese Populationen können als Reserven für Wiederansiedlungen oder Bestandsunterstützung zur Verfügung stehen, vorausgesetzt, dass die ursprünglichen Habitate erhalten und geschützt sind.

Kriterien
Die Kriterien für die Einrichtung eines Zuchtprogramms sind der Gefährdungsgrad der Art in ihrem natürlichen Habitat, ihre systematische Einzigartigkeit, die Größe des Bestandes in Menschenobhut und die Erfolgsaussichten für eine langfristige Erhaltungszucht.

Durchführung
Zuchtprogramme können auf regionaler oder globaler Ebene stattfinden. Jedes Zuchtprogramm wird von einem Koordinator geleitet. In der Regel handelt es sich hierbei um einen Spezialisten (z. B. Biologe, Tierarzt) für die erfasste Art. Der Koordinator führt ein Zuchtbuch über alle Individuen, die an dem Zuchtprogramm teilnehmen (z.B. EEP Europäisches Erhaltungszuchtprogramm, SSP Species Survival Plan). Alle Daten einer Population sind in der Datenbank Single Population Analysis and Record Keeping System (SPARKS) des International Species Information System (ISIS) gespeichert mit deren Hilfe auch demographische und genetische Analysen durchgeführt werden können.

Przewalskipferde beim Transport

Der Koordinator wird von einer Spezialistengruppe unterstützt. Diese Beratergruppe setzt sich aus Repräsentanten verschiedener Zoos zusammen, die bereits über Erfahrungen in der Haltung der betreffenden Art verfügen. Gemeinsam schätzen sie die Bedeutung der einzelnen Tiere und Institutionen für das jeweilige Zuchtprogramm ab und geben dann Empfehlungen für die zukünftige Organisation der Zucht. Dabei werden folgende Aspekte berücksichtigt:

Genetik und Demographie: Genetische Variabilität ist die Voraussetzung für die Fähigkeit einer Art sich an eine sich ständig verändernde Umwelt anzupassen (Boer 1989). Populationsgenetiker gehen in der Theorie davon aus, dass 20 – 50 Wildfänge ausreichen, um 90% der Heterozygotie (Mischerbigkeit) der Ursprungspopulation für die nächsten 100 Jahre aufrechtzuerhalten. Da die Przewalskipferdpopulation nur auf 12  Gründerindividuen (founder) aufbaut, ist bei sorgfältigem Management heute nur noch der Erhalt von 79 % der ursprünglichen genetischen Variabilität möglich.

In den ersten Generationen sollte eine Population schnell anwachsen und anschließend in eine stationäre Phase übergehen, in der Ab - und Zugänge einander ausgleichen. Der Altersaufbau sollte pyramidenförmig sein und Inzucht nach Möglichkeit vermieden werden.

Systematik: Hat eine Art eine weite Verbreitung, so können sich unterschiedliche Populationen, auch Unterarten genannt, herausbilden. Bevor Zuchtempfehlungen ausgesprochen werden können, sollte  die  systematische Zuordnung  der importierten Individuen geklärt werden, denn Unterarten unterscheiden sich manchmal phänotypisch nicht oder nur geringfügig. Ihre Biologie, z.B. eine jahreszeitlich festgelegte Reproduktion oder das Migrationsverhalten kann dagegen unterschiedlich und genetisch fixiert sein. Kreuzungen aus solchen Unterarten wären dann in der Wildnis nicht überlebensfähig. DNS Analysen sowie demographische Daten können hier zur Aufklärung beitragen.

 

Rückzüchtungen

Anders verhält es sich bei Rückzüchtungen. Eine ausgestorbene Tierart, wie z.B. der Auerochse oder Ur (Bos primigenius), ist unwiederbringlich verloren. Man kann jedoch versuchen, seinen Phänotyp wieder herzustellen, da das genetische Potential in den domestizierten Hausrindern erhalten geblieben ist. Allerdings dauert so etwas viele Jahre und ist nur über eine starke Selektion möglich. Die Züchter dieser robusten Rinderrasse, die viel in Naturschutzprojekten eingesetzt wird, sind in dem Verein zur Förderung der Auerochsenzucht e.V. (VFA) zusammengeschlossen (www.auerochsen.de). Die Large Herbivore Foundation (www.largeherbivore.org), schlug kürzlich eine andere Schreibweise vor, um die Rasse Aurox vom Wildrind Aurochs im englischen Sprachgebrauch zu unterscheiden.